April 28

Aygül Özgan – so wahr mit Gott helfe

Aygül Özgan ist die erste muslimische Minister in diesem unserem Lande. Die Wellen kochten erwartungsgemäß hoch, als sie sich für die Entfernung von religiöse Symbole aus den öffentlichen Schulen aussprach. Ein medialer Gau, bei dem mir doch Zweifel an der Ministerqualitäten aufkommen. Nicht wegen des Inhalts. Darüber kann man diskutieren und irgendwie war da ja auch mal ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Meine Zweifel an den Ministerqualitäten bestehen nur in der klaren Vorhersehbarkeit des daraus entstandenen Wirbels.

Jetzt wird die Diskussion aber noch interessanter: kath.net berichtete, dass Özgan die Eidesformel mit der religiösen Beteuerung „so wahr mit Gott helfe“ sprach. Meine erster Reflex war – und, schön, dass sich wieder mal ein Politiker auf Gott besinnt. Bei meinem eigenen Amtseid waren wir mit der religiösen Eidesformel in der ganz klaren Minderheit.. (okay, in Berlin). Tja, aber kann den eine Muslima auf den Gott schwören? Wer ist denn der Gott des Grundgesetzes? Wer jetzt glaubt, die Trennung von Staat und Kirche reiche soweit, dass das Grundgesetz gottlos sei, der möge bitte einen Blick in die Präambel werfen. Das dies der Gott der Christen ist, dürfte im Kontext klar sein. Aber können Juden und Muslime auch von Gott sprechen? Meinen sie einen anderen oder den gleichen? Zumindest wer bei Juden von einem anderen Gott spricht, hat noch dringend Nachholbedarf. Bei Muslimen sehe ich die Selbstverständlichkeit, mit der manche von dem Einen ausgehen, kritisch. Wie verhielte es sich mit Mormonen, Zoroastrier.. oder gar Polytheisten?

Nun hat auch die Bistum Essen Stellung bezogen und darauf hingewiesen, dass der islamische und christliche Gott nicht gleichzusetzen sei. Soweit würde ich da ja auch zustimmen… aber hallo, heißt das jetzt, Muslime dürfen die religiöse Beteuerung nicht sprechen? Das wird verfassungsrechtlich doch dann bald lustig. So ein Kommentar kann auch ganz schnell zum Schuß ins Knie werden, der beide Beine mitnimmt. Bei dem Angebot auf eine Beteuerungsformel sehe ich keinen Verstoß gegen die Trennung von Staat und Kirche. Finge man aber darüber zu diskutieren, wer diese sprechen darf und wer nicht, liefe das doch darauf hinaus, dass der Staat fragen müsse, ob man (rechtsgläubiger? haha) Christ sei. Juhu. Dann wird es fix gehen, bis Karlsruhe diese streicht. Damit werden wir uns keinen Gefallen tun.

Unabhängig davon, dass ich dem Bistum Essen inhaltlich recht gebe: so wahr mit Gott helfe ist eine individuelle Entscheidung des Betreffenden und seiner / ihrer Beziehung zu Gott. Da ist Glaube doch mal Privatsache. Für mich steht da erst einmal die Freude über gelebten Glauben. Und dann fragen sprechen wir über den Rest. Außerhalb einer Beteuerungsformel.

Nachtrag: Woran auch immer es liegt – Die Welt berichtet von einer positiven Reaktion der beiden Kirchen auf den Amtseid von Özgan. Beruhigend, vielleicht hat sich manch einem im Gebet die Chancen auf ein friedvolles Miteinander erschlossen. Sowohl hier – als auch in Ländern wie der Türkei, die erheblichen Nachholbedarf in Fragen der Religionsfreiheit haben.


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Veröffentlicht28. April 2010 von bengoshi in Kategorie "frisch aufgeschnappt