Juli 27

Angriff auf die Menschenwürde – Tagesspiegel

Malte Lehming hat im Tagesspiegel einen Kommentar zum Standpunkt der katholischen Kirche und der Menschwerdung geschrieben.

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Menschliches Leben beginnt, wenn Ei und Samen miteinander verschmelzen. Auf diesem Standpunkt steht die katholische Kirche.

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Bis dahin soweit richtig.

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Der Glaube, dass das Leben bereits mit der Verschmelzung von Ei und Samen beginnt, ist reichlich exotisch – jedenfalls historisch betrachtet und weltweit gesehen.

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Herr Lehming, die katholische Kirche beherbergt über eine Milliarde Gläubige. Sicherlich gehen nicht alle mit der Lehre konform. Aber dann seien evangelische Richtungen, die diese Meinungen teilen, hinzugezählt. Da von „weltweit“ „exotisch“ zu sprechen mutet exotisch an. Könnte es sein, dass der Verfasser hier über den Berliner Tellerrand nicht hinausgeschaut hat?

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Was sind die Konsequenzen dieser Überzeugung? Eine kleine absurde am Rande: Wenn der Mensch vollwertiger Mensch ist mit der Verschmelzung von Same und Ei, ist er ungefähr neun Monate älter, als in seinem Pass steht. Er dürfte also neun Monate früher seinen Führerschein machen und sich neun Monate früher pensionieren lassen.

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Ein Lächeln konnte ich mir über diesen Blödsinn nicht verkneifen. Selbst wenn wir uns alle in dieser Frage grün wären – das Gesetz knüpft hier an die Geburt an (ein Blick ins BGB hilft weiter). Das hat mit der Frage wann das Menschsein beginnt zunächst wenig zu tun. Sprich: Auch wenn wir uns einig wären – änderte sich daran nichts.

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In ihrer rigorosen Ausprägung führt die katholische Moral zu Konsequenzen, die sich nicht mehr mit den ethischen Empfindungen der Mehrheit der Bevölkerung deckt. Adäquater scheint das Konzept einer gestaffelten Schutzwürdigkeit des Menschen zu sein. Es ist wirklichkeitsnäher, weil sich unsere moralischen Empfindungen darin besser widerspiegeln.

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äh, ja und? Darf ich im Umkehrschluss daraus die Forderung ableiten, die katholische Moral habe sich nach der Masse zu richten? Urg. Dann müssten wir auch die Todesstrafe befürworten.. Interessant ist auch, dass der Autor mit „uns“ seine moralischen Empfindungen (hört sich nach ungesteuertem Reflex an) schön verallgemeinert. Ich bin nicht uns. Oder jedenfalls nicht er. Vielleicht ist er auch nicht uns. Oder so.

Und jetz kommt der Knaller:

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Jegliches Werten und Gewichten, Abwägen und Berechnen aus der moralischen Debatte zu verbannen – wo die Menschenwürde berührt ist, zählen solche Argumente nicht, sagen Katholiken -, zeugt von einer tief sitzenden Angst. Es ist die Angst vor dem Verlust der Maßstäbe und dem Triumph der Willkür.

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Mal ganz unter uns Betbrüdern.. war da nicht was von „Die Würde des Menschen ist unantasbar“? Ja, wenn die Menschenwürde angegriffen wird, überkommt mich Angst. Das ist für mich keine Frage ob katholisch oder nicht. Ich hoffe, die Angst überkommt auch Nicht-Katholiken. Ich will ja nicht wissentlich in die Godwin-Falle tappen – aber ja, wir haben da historisch allen Grund zu (auch außerhalb von Deutschland, Rettung vor Godwin) bei einem Angriff der Menschenwürde mit Angst zu reagieren. Aber nicht mit Angst und Verzweiflung. Sondern mit einem aus der Angst geborenem Mut, aufzustehen.

Die Frage die offen bleibt, wann ist ein Mensch ein Mensch.

Und so lange ich kein Abgrenzungskriterium höre, dass nicht einer Willkür geboren ist (dritter Monat ist Willkür, könnte ja auch der dreieinhalbte sein) – im Zweifel für den werdenden Mensch. Lehming vertritt den Ansatz, der Schutz müsse stufenweise aufgebaut werden. Aber warum ein werdendes Kind nach x Tagen schutzwürdig ist, nach x-1 Tagen aber nicht – da ist mir die Erklärung der „ethischen Empfindung“ doch ganz schön dünn. Darf der Schutz, der peu á peu aufgebaut wird auch wieder stückchenweise zurückgebaut werden?

 


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Veröffentlicht27. Juli 2010 von bengoshi in Kategorie "gelesen