August 29

Verfolgungswahn

Bei der Diskussion um Meinungsfreiheit und „was man denn noch sagen dürfe“ gibt es zwei Aspekte, die sich gerne wiederholen: Thema „das wird man ja noch sagen dürfen können müssen“. Und das bei Themen, über die sehr wohl gesprochen wird. Gerne angeführt beispielsweise bei den Themen Asyl- und Ausländerpolitik. Als ob darüber nicht gesprochen würde. Dabei sühlen sich die Anführer dieses Argumentes gerne in einer Grube der Tränen eines vermeintlichen Opfers und der scheinbaren Verfolgung. Bei manch einem entwickelt sich das zur regelrechten Paranoia (dabei sollten sie lieber Paranoia spielen). Kommt es dann zum Eklat, wird gerne übersehen, dass auch die Meinungsfreiheit Grenzen kennt. Und wenn jemand wie Thilo Sarazzin an der Volksverhetzung langschrammt, weil er auf vermeintliche genetische Dispositionen zurückgreift, fühlt sich die Gruppe gerade bestätigt: Das haben wir ja schon immer gesagt. Wir sind nicht paranoid, wir werden wirklich verfolgt. Eine Reflektion, warum es diese Grenzen gibt, scheint da nicht stattzufinden.

Auf der anderen Seite stehen die Godwin-Jünger. Bei allem was nicht in den eigenen Kram passt, kommt die große Nazi-Keule. Problematisch daran ist, dass es die oben anstehend genannte Gruppe nur in ihrer Ansicht befeuert und ähnlich einem heilsamen Medikament dann nicht mehr wirkt, wenn die tatsächlichen Krankheiten ausbrechen.

Der langen Vorrede kurzer Sinn: Wenn jemand behauptet, etwas dürfe nicht gesagt werden, bin ich erstmal skeptisch.

Aber wie der Fall Hollemann zeigt, gibt es durchaus solche Themen: Ihm ist zum Verhängnis geworden, in einem Verein für Lebensschutz Mitglied gewesen zu sein, hier konkret bei ALfA.

Ich postuliere an dieser Stelle Godwin-Law-II: Der neue Nazi ist der Radikale.

Kurzum – Hollemann wurde als „radikaler“ Lebensschützer dargestellt. Bei der Gelegenheit frage ich mich, wann man da „radikal“ ist. Darf man nur ein bisschen gegen die Tötung von Kindern Abtreibung sein? Oder muss man dazu mit Steinen geworfen haben? Okay, entspannt zurücklehnen. Den ersten Absatz nochmal lesen. Tappe ich selbst in die Falle, dass es hier quasi aus einem guten Grund eine Grenze gibt? Nun, das aktuelle Strafrecht stellt die Tötung von Kindern den Schwangerschaftsabbruch erst einmal unter Strafe (§ 218 StGB). So ganz falsch kann man mit der Auffassung nicht liegen. Wann die Voraussetzungen für Straffreiheit (§ 218a StGB) vorliegen mögen, muss ja dann irgendwie diskutabel sein. Warum ich darauf jetzt komme? Die Quelle liegt in einem schönen Artikel „Noch nie tötete ein Evangelikaler einen Abtreibungsarzt“. Lieber Herr Prof. Schirrmacher – ich bin kein Evangelikaler, aber ganz bei Ihnen. Aber SED PDS Linke ist da ja in guter Gesellschaft mit der SZ. SZ? Ja, genau, die Zeitung mit der sich Hollemann anlegt.

Und auch wenn mir das hier gesagte im Rahmen der obigen Erfahrung irgendwann mal auf den Fuß fallen sollte, kann ich hier nicht an mich halten:

  • Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich kann keinen sachlichen Grund erkennen, warum die Würde mit der 14. oder 21. Schwangsschaftswoche oder mit dem ersten Schreien des Säuglings nach der Geburt beginnen sollte. Das ist für mich reine Willkür. Um der zu entgehen, ist zugunsten und zum Schutze des Menschen die Würde möglichst weit nach vorne zu verlagern. Im Zweifel für den Angeklagten Menschen. Freundlicherweise sieht das der Katechismus im Ergebnis auch so (Nr. 2270).
  • Das deutsche Recht erlaubt die Spätabtreibung unter bestimmten Voraussetzungen. Praktisch heißt das, dass auch überlebensfähige Kinder ermordet abgetrieben werden. Leitet der Arzt die Wehen ein, das Kind kommt lebensfähig zur Welt und er tötet es dann, liegt Totschlag oder Mord vor. Macht er einfach nichts und lässt das Kind unterversorgt sterben, kann man sich über unterlassene Hilfeleistung oder Totschlag/Mord durch Unterlassen streiten. Und bei zu später Hilfe drohen Schadensersatzansprüche. Legal und fachgerecht ist es, dass Kind im Mutterleib zu töten und dann die Wehen einzuleiten. Denn dann wird ein totes Kind geboren und alles ist gut. Mir leuchtet der Unterschied nicht wirklich ein. Alles weit hergeholt? Nein, Wirklichkeit.
    Wer rechtlich näher eintauchen will – das hier finde ich ganz lesenswert (ab Seite 28). Die dortige Schlussfolgerung teile ich nicht, kann sie aber aus ärztlicher Sicht nachvollziehen.
  • Zu den Organisationen- ALfA kenne ich nur aus der Presse. Da kann ich nicht viel zu sagen. Gerne mit genannt wird KALEB. Davon durfte ich einige Mitglieder  kennen lernen und habe schon Veranstaltungen erlebt bzw. bei mir in der Jugend schon gehabt. Von einer braunen Ansicht oder ähnlichem wie es unterstellt wird (will ich nicht verlinken, musste selber googeln) konnte ich nichts, nicht mal in Ansätzen feststellen.
  • Die Befürworter der Ermordung von Kindern Abtreibung führen an, dass hier das Wahlrecht von Frauen eingeschränkt werde, ein Kind zu empfangen oder nicht. Ja, das wird eingeschränkt. Das Recht auf Leben ist nicht disponibel. Genausowenig wie ich aus gutem Grund meine Kinder nicht schlagen darf, darf ich sie nicht töten. Vor wie nach der Geburt. Glaubst Du nicht? Denk mal darüber nach, wie Deine Reaktion wäre, wenn eine schwangere Frau auf ihren Bauch eindrischt. Die Freiheit des einzelnen hört da auf, wo sie die Freiheit eines anderen berührt.
  • Wir reden über fast 100.000 Leben im Jahr in Deutschland. Einer der reichten Länder der Welt.
  • Wenn das Bundesverfassungsgericht feststellt, das Artikel 1 Abs. 1 GG es verbiete, ein Kind als Schaden zu begreifen, kann ich dem nur zustimmen. Denn Kinder sind ein Geschenk Gottes.

Auf einem anderen Blatt steht für mich jedoch die Frage, ob man mehr Schaden als Nutzen damit erreichen würde, wenn wir die Abtreibung ohne weiteres für strafbar erklärten. Finden die Abtreibungen dann nicht trotzdem statt, nur dann bei „Kurpfuschern“? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber diese Frage treibt mich um. Ich finde, dass ist auch nicht der Weg, den wir gehen sollten. Und das sage ich trotz meiner obigen Ansicht.

Unser Weg als Christen sollte es meines Erachtens sein, für ein Klima und für Bedingungen Sorge zu tragen, in denen Frauen auch in widrigen Umständen ihre Kinder zur Welt bringen möchten. In denen wir Hilfsangebote schaffen und so bekannt machen, dass jede Frau auch in einer verzweifelten Lage weiß, dass und wo ihr geholfen wird. Das sie jederzeit weiß, dass zumindest wir ihr auf jeden Fall helfen. Das hieße den Weg weg vom Abtreibungsgegner, hin zum Lebensbefürworter gehen.



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Veröffentlicht29. August 2016 von bengoshi in Kategorie "Allgemein