November 25

Digitale Demenz

Ich habe gerade Digitale Demenz von Manfred Spitzer angefangen. Er hat in Psychologie mit Diplom abgeschlossen, in Medizin und Philosphie mit Promotion und wurde in Psychatrie habilitiert. Wissenschaftliche Referenz genug. Ich sah ihn in einer Sendung, in der er schon fast wutentbrannt gegen den Kontakt von Kindern mit digitalen Medien wetterte. Als alter Nerd finde ich den Einsatz von Technik gut, stehe dem aber auch nicht unkritisch gegenüber. Kinder brauchen eher einen Baum auf den sie klettern, als ein Pad an dem sie spielen. Mit dem Argument, dass ein digitaler Umgang mit Medien wichtig sei, setzen wir auch keinen zehnjährigen ins Auto, damit er lernt, besser im Straßenverkehr zurechtzukommen. Aber trotzdem muss das Thema vermittelt werden. Ich halte Programmieren für Mathe 2.0 und den Umgang mit digitalen Medien für elementar. Die Frage ist für mich nur wann und wie. Um mir meine Meinung etwas fundierter bilden zu können, schnappte ich mir dieses Buch. Vielleicht lassen medizinische Erkenntnisse da ganz neue Sichtweisen entstehen.

Ein dicker Katalog an Literaturverzeichnis lässt wissenschaftliches Arbeiten vermuten. Da es zweite Buch eines „Monothematiker“ ist (jemand, der sich nur einem Thema widmet und da zur Starrheit neigt), bin ich da gerade etwas skeptisch.

Zum Inhalt blogge ich später etwas. Was mir aber vorher schon in die Hände fiel.. In der Einführung „Macht uns Google dumm?“ wird als Beispiel für verfehlte Entwicklungen das Pedoskop herangezogen. Das waren Röntgengeräte, die in Schuhgeschäften zum Einsatz kamen. Aua. Zitiert werden zwei Medizinhistoriker – Duffin und Hayter. Diese werden in den Fußnoten 10 und 11 zitiert. Die Fußnoten sagten 10: Duffin und Hayter 1980 und 11: Duffin und Hayter 2000. Als Jurist habe ich ja eine Abneigung gegen die Harvard Notation, hier zeigt sich mal wieder warum. Im Literaturverzeichnis findet sich nur ein Duffin und Hayter 2000. 1980 Fehlanzeige. Hätteste mal eine anständige Literaturverwaltung benutzt, dachte ich mir so, statt nur über EDV abzulästern, wäre Dir das nicht passiert. Klappt sogar schon unter LaTeX bestens. Und hätteste mal nicht nach Harvard-Stil zitiert, hätten wir jetzt einen Titel, dann könnten wir die Quelle leichter finden. Aber gut, vielleicht ein Zufallstreffer, Fehler passieren.

Im Kapitel „Oberflächlich: Digitale Medien verringern die Verarbeitungstiefe“ wird Noam Chomsky mit dem Satz zitiert:

In einem Tweet oder Internetbeitrag kann man nicht viel sagen. Das führt mit Notwendigkeit zu mehr Oberflächlichkeit.

Bei Twitter würde ich sagen – ja, das ist systemimmanent. Da müssen die Sachen kurz und knapp auf den Punkt gebracht werden. Aber Internetbeiträge? Schaue ich also in die Fußnote 4 nach, werde hinten (nun ja Endnoten, nicht Fußnoten) auf Chomsky 2012, S. 29 geleitet. Das Literaturverzeichnis sagt – The univesal man. News Scientist 213 (2856; 17. 3. 2012): 28-29. Okay, über die Uni komme ich zumindest Online scheinbar nicht daran. Aber aus Neugier über den Autor blätter ich so ein wenig rum. Und stoße auf seine eigene Seite mit seiner Bibliographie. Entweder weiß Chomsky nicht mehr, was er alles schrieb oder es ist der zweite Zitatfehler. Denn in seiner Bibliographie kann ich zumindest diesen Aufsatz nicht finden.

Für mich dienen Fußnoten in wissenschaftlichen Texten primär der Angabe von Quellen. Okay, da können weiterführende Angaben drin sein, die im laufenden Text stören. Aber erstmal impliziere ich damit eine Quelle. Vielleicht bin ich mit dieser Ansicht alleine. Aber ich schlage nicht jede Fußnote nach (erst Recht nicht Endnote), sondern für mich fühlt sich das so an wie – hei, das hat sich nicht der Autor ausgedacht, sondern dahinter steckt eine Quelle. Anführungsstriche gibt es nur bei wörtlichen Zitaten und jedenfalls in juristischen Texten lernte, die eher zu meiden. Stattdessen formuliert man die mit eigenen Worten und zeigt durch die Fußnote und Quelle an, dass man sich der Idee einer oder eines anderen bediente. Kapitel „Ein Laptop für jeden Schüler“

Im Internet wird mehr gelogen und betrogen als in der wahren Welt, und man benimmt sich dort auch öfter daneben.

Uh, dachte ich mir. Wer hat das denn bitte wie rausbekommen? Auf die Studie bin ich gespannt. Blätter, blätter, Fußnote 10:

Dies wird in den folgenden Kapiteln noch dargelegt.

Ne Herr Prof. Dr. Dr. Spitzer. So wird das nichts mit uns beiden. Nun gut, ich bin tapfer und werde noch weiterlesen. Hoffentlich wird es besser.



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Veröffentlicht25. November 2016 von bengoshi in Kategorie "gelesen