November 27

Digitale Demenz II

Ich hatte ja schon angefangen, mich über Manfred Spitzer und sein Buch Digitale Demenz auszulassen. Als quasi Zwischenstand etwas zum Inhalt aus dem Kapitel „Oberflächlich: Digitale Medien verringern die Verarbeitungstiefe“ (Kursivschrift ebenso im Original):

Je oberflächlicher ich einen Sachverhalt behandle, desto weniger Synapsen werden im Gehirn aktiviert, mit der Folge, dass weniger gelernt wird. Diese Einsicht ist deswegen so wichtig, weil sich digitale Medien und das Internet genau aus diesem Grund negativ auf das Lernen auswirken müssen. Zum einen führen sie – das ist mittlerweile ein Allgemeinplatz – zu mehr Oberflächlichkeit, was man schon rein sprachlich an den Begriffen der Nutzung ablesen kann: Früher wurden Texte gelesen, heute werden sie geskimt, d.h. oberflächlich abgeschöpft. Früher wurde in die Materie eingedrungen, heute wird stattdessen im Netz gesurft (also über Inhalte geleitet).

Ah ja. Also von „Allgemeinplatz“ würde ich da nicht sprechen wollen. Das ist eine blanke Behauptung und ich lese das Buch für substantielle Gründe. Der Begriff „geskimt“ kannte ich bis jetzt nur in einem anderen Zusammenhang. Aber gut, mag es auch hier geben. In meinem Umfeld werden auch Internetinhalte „gelesen“. Der Vergleich mit dem Surfen ist finde ich arg dünn. Aufgrund der schnelleren Zugriffsmöglichkeit dank juristischer Datenbanken habe ich nicht das Empfinden, dass da ein mehr an Oberflächlichkeit eingetreten ist. Aber hei, was weiß ich schon. Hoffentlich kommen in dem Buch noch valide Erkenntnisse, die mit Studien belegt sind. Das ist ja bis jetzt Gala-Niveau.

Dies ist keine graue Theorie, wie die in der Folge diskutierten Erfahrungen mit der digitalen Technik in Kindergärten und Schulen zeigen werden. Wenn ich auf einem berührungsempfindlichen Smartboard ein Wort mit der Hand von A nach B ziehe (es also nur an einen anderen Ort des Bildschirms bewege), dann ist dies so ziemlich das Oberflächlichste, was ich mit einem Wort machen kann – noch oberflächlicher, weil mit noch weniger Bewegung verbunden, wäre nur noch Copy and Paste per Mausklick.

Ein paar Seiten später zeigt ein Bild was gemeint ist. Silben wie „ess“, „glück“, „sport“ und „lauf“ in der ersten Spalte, in der zweiten Spalte Silben wie „en“ und „lich“. Die kann man zusammen setzen. Das ganze halt auf einem Smartboard. Ich kenne das auf Karteikarten, die eine Lehrerin mit Nadeln an eine Korkwand gepinnt hat. Ob das jetzt pädagogisch wertvoll ist oder nicht, kann und will ich nicht beurteilen. Ich bin kein Pädagoge. Aber den Unterschied zwischen den Karteikarten und dem Smartboard kann ich an diesem Beispiel nicht erkennen. Mag die Methode schlecht sein, okay, aber dann liegt es hier nicht an dem Smartboard.

Bis jetzt habe ich ja das Gefühl, dass die Oberflächlichkeit eher in diesem Papier-Buch als im Netz zu finden ist. Aber ich hoffe noch auf Besserung.



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Veröffentlicht27. November 2016 von bengoshi in Kategorie "gelesen