Dezember 31

Falle

Ich lese ja gerne abweichende Meinungen, weil man dort neue Argumente sammeln kann und seine eigenen prüfen. Manchmal ist es aber auch schön, sich bestätigt zu finden. Im Oktober schrieb ich noch, dass ich eine Falle darin sehe, in Links/Intellektuell und Rechts/Dumpf zu unterscheiden. Damit bin ich nicht alleine:

Ich warne ausdrücklich immer vor Erklärungsversuchen, die auf „die sind halt alle doof“ basieren, und bin mir sicher, dass es in der AfD gebildete, schlaue Leute gibt, die da aus aus ihrer Sicht völlig rationalen Gründen mitlaufen. Wenn wir diese Gründe verstehen können, können wir möglicherweise auf sie einwirken. Das sollte unser aller Ziel sein.

Mein Erklärungsversuch: Besitzstandwahrung. Besitzstandwahrung bezieht sich klar erst einmal auf das materielle. Die Sorge, dass mehr und neue Menschen ins Land kommen, was dazu führte, dass die Einkommen und Sozialhilfe unter mehr Menschen verteilt werden müsste. Die Sorge, dass ich durch meine angeborene Sprachkompetenz vielleicht Leuten gegenüberstehe, die durch Fleiß den „Mangel“ an deutscher Sprachkompetenz ausgeglichen haben und eine eigene Sprache mitbringen – ich also nur mit meiner geschenkten Sprache schlechter da stehe. Die Sorge, dass andere sich durch ihre Bewegung in mehreren Kulturen erfolgreich bewegen können und gefragter sind und ich mit mit meiner Starrheit hintenan stehen. Die Sorge, dass ich von meinem hohen Ross – wir sind die Superdeutschen – heruntergeholt werde. Die Sorge, dass unser vermeintlich einmaliges Bildungssystem durch andere eingeholt werden oder wurden.

Alles in allem eine Sorge davor, dass ich anfangen muss mich zu bewegen. Die Angst des übergewichtigen Couchpotato, dass jemand trainiertes die eigene Frau bezirzt und die dann sagt – wenn Du mich nicht fängst, bin ich weg. Ich müsste mich von der Couch bewegen und war die letzten Jahre dankbar dafür, stinkendfaul auf der Couch zu liegen, das Hirn auszuschalten und die Chips noch von „Gastarbeitern“ gereicht zu bekommen. Die geschilderten Sorgen halte ich auf der einen Seite für unberechtigt. Auf der anderen Seite glaube ich, dass Herzogs Ruck erst noch kommen muss. Und es ist die Bequemlichkeit vor dem Ruck verbunden mit der Sicht, dass ohne Ruck es schlechter würde. Schuld sind aber nicht die anderen, sondern unsere Bequemlichkeit. Und Leute von der AfD stellen sich hin und sagen – lasst uns alle normalgewichtigen rausschmeißen, dann sieht Dir keiner mehr an, dass Du fett bist und dann bist Du auf einmal die Norm und alles ist gut. Zack bum, und ein BMI von >40 ist kein Problem mehr. Prost Neujahr.

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Dezember 30

Unwort

Gestern hörte ich im Radio den Aufruf, Unwörter des Jahres einzureichen. Mein Vorschlag – postfaktisch. Dieser Begriff suggeriert, dass sich früher eine politische Meinung auf Fakten stützte. Früher. Ja, weil früher alles besser war. Da hatten wir noch einen deutschen Kaiser und alles war aus Holz. Was für ein Schmarrn. Und früher bildeten sich die politische Meinungen auf Fakten, so wie die besorgten Bürger, die, die bei Rostock oder Hoyerswerda aktiv waren oder Kohls Beiträge bei der Asyldebatte. Da ist nichts schlechter geworden, aber leider auch nichts besser.

Faktizität und Geltung von Jürgen Habermas stammt übrigens von 1992. Heute wäre der Titel des Buches wahrscheinlich Postfaktizität.

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Dezember 29

Logik

Sensationell und unbedingt lesenswert: Selbst wenn weder Fan von Comics noch ein Freund der Philosophie oder der Mathematik ist, sollte man sich unbedingt auf dieses Experiment einlassen. Doxiadis und Papadimitriou haben in einem umfangreichen Comicband Logicomix: Eine epische Suche nach der Wahrheit versucht, die Geschichte der Logik zu erklären. So kann man sanft in ein neues Gebiet eintauchen, zwischendurch grübeln und weiterschwimmen. Schöne Zeichnungen verpacken perfekt eine Geschichte. Der Anhang gibt dazu noch weitere Hintergrundinfos – und warum uns diese Überlegungen im Hier und Jetzt beeinflussen. Wenn Du Dir selbst was gutes tun willst – bestellen und lesen. Perfekt auch zum Verschenke für alle ab 14 Jahren.

Zum Stöbern gibt es sogar eine Homepage von denen.

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Dezember 28

Lesen

Jetzt habe ich zwar gerade etwas über ein gelesenes Buch geschrieben, aber ich will – auch für mich selbst – wieder mehr über die Bücher schreiben, die ich so lese. Leider gleich der nächste Verriss. Zum Glück hatte ich das Buch aus der Bibliothek. So kostete es kein Geld, aber meine Lebenszeit. Das würde ich anderen gerne ersparen. Es geht um Einführung in die biblische Seelsorge von Eberhard Platte, erschienen in der Christlichen Verlagsgesellschaft.

Platte kritisiert die Professionalisierung des Ehrenamts, insbesondere in der Seelsorge. Das ist natürlich schon ein lustiger Widerspruch, wenn man wie er Seminare gibt und Bücher schreibt. Klingt für mich so nach – Ihr seid alle besser, wenn Ihr nichts dazu lernt, außer bei mir (und bei mir dafür bezahlt). Passt gar nicht. Intuition wäre ein Argument, kommt aber nicht so richtig.

Vielmehr wird die sich in der Seelsorge scheinbar ausbreitende psychotherapeutische Ausrichtung kritisiert. Das kann man sicherlich tun. Aber hier geht es in die Richtung – Gebet für Heilung und Hirtenschaft ist gut, alles andere ist schlecht. Erst recht ein schulmedizinischer Ansatz. Ganz schlecht, wenn Christen versuchen, dass zu verbinden. Puh. Driftet mir in einen fast fanatischen Bereich ab. Wie auch im sonstigen medizinischen Bereich sind das für mich keine ausschließenden, sondern ergänzende Dinge. Wer den Mensch nur als biochemisches Konstrukt ansieht, sieht eine leere Hülle, wer sich jedweder Naturwissenschaft verschließt, einen leeren Verstand.

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Dezember 27

Digitale Demenz III

Ich hatte ja schon hier und hier über das Buch Digital Demenz von Manfred Spitzer berichtet. Um Wiederholungen zu vermeiden, verweise ich auf die vorherigen Blogbeiträge. Aber ich will nach dem Ende der Lektüre noch einen Schlusssatz schreiben: Es ist leider nicht besser geworden. Mir fällt dazu nur ein – keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Hier wird nichts untersucht, sondern auf Bild-Niveau eine Meinung zementiert. Sehr schade, das Thema hätte eine vertiefende Auseinandersetzung verdient gehabt.

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Dezember 26

Uhrwerk

Kennst Du A Clockwork Orange? Falls nicht, unbedingt lesen und danach den Film dazu schauen. Wer es ganz kurz haben will, findet die Zusammenfassung in diesem Lied. Nachdem was hier passiert ist, musste ich gleich daran denken. So schrecklich das ist, stimmt mich in diesem Zusammenhang froh, dass die Umstehenden gleich zur Hilfe eilten und eine Tragödie verhinderten.

Die Täter stellten sich nach Veröffentlichung des Videomaterials fast alle. Und einer wurde festgenommen. Ich geben zu, dass mich das hinsichtlich dieser Kameraüberwachung ein wenig wanken lässt. Das sind die Erlebnisse, die dafür sprechen. Dagegen spricht aber eine Form von Überwachung, die die Tat selbst nicht verhindert. Und damit steht für mich der Überwachungswahnisnn doch im Vordergrund.

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Dezember 25

unerwarteter Philosoph

Man glaubt es kaum. Selbst gestandene – was ist eigentlich das Gegenteil von Gutmensch? – können philosophische Bezüge aufbauen:

Heute gebe es Terror, die Stadt sei vermüllt, die Sprache der Jugend verroht.

Was daran philosophisch sein soll? Über den Fall der Jugend klagte schon der geschätzte Sokrates. Hat sich irgendwie nix geändert:

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Sokrates war übrigens nicht der einzige in der Antike, der diese Befürchtung hegte.

Wenn jedoch aus der oben benannten Ecke philosophische Bezüge kommen, sollten Neurowissenschaftler erforschen, ob philosophische Fähigkeiten nicht sogar schon im Kleinhirn verankert sind. Der – gesucht wird immer noch das Gegenteil von Gutmensch – sagt noch:

Es sei nicht mehr sein Deutschland.

Dann würde ich sagen – bitte umgehend ausreisen. Das wäre eine Win-Win-Situation. Er braucht sich nicht mehr über die hiesige Politik ärgern und unser Land hat an Menschlichkeit gewonnen.

 

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Dezember 23

Absurdistan

Lehne Dich mal kurz zurück und stelle Dir folgendes vor:

Du leitest einen großen Laden und gibst eine Dienstanweisung heraus. In der steht drin – liebe Mitarbeiter, ich will Euch nicht alles haarklein vorschreiben, nutzt das was zwischen den Ohren ist. Jetzt könnte man denken, juhu, ein Chef, der mich für voll nimmt und der mir Verantwortungsbewußtsein zutraut. Es könnten sich aber mir unterstellte leitende Angestellte versammeln und sagen – hei, so geht das nicht. So per Mail. Das geht so nicht, weil wir wiederum wollen klar gesagt haben, wo es langgeht. Und im Übrigen sagen wir Dir, lieber Vorgesetzter auch gleich, wie und wo es langzugehen hat.

Was macht man da? So was lässt man erstmal liegen. Mögen die sich erstmal abkühlen. Tun sie aber nicht, sondern posten die Mail ins Intranet. Damit jeder Mitarbeiter weiß, wo der Hammer hängt. Was machst Du in einer solchen Situation? Abmahnung? Kündigung? Hiebe auf die Oberschenkel? Oder sagst Du Dir, was juckt es eine deutsche Eiche, wenn die Wildsau sich daran kratzt? Du entscheidest Dich für letzteres. Und darauf sagen sich diese Manager – das geht jetzt aber nun wirklich nicht. Und verkünden im Intranet, wann sie Dir eine Abmahnung schicken. Richtig gehört, nicht Du ihnen, sondern sie Dir. Und diese Manager haben tatsächlich einen Fall vor circa 600 Jahren gefunden, da hat schon mal jemand die Eier dafür gehabt. Nun, Genie und Wahnsinn liegen oft eng beeinander. Hier fällt es nicht schwer zu sehen, für welche Seite man sich entscheidet.

Die Geschichte ist absurd? Völlig gagga? Denkste. Die besten Geschichten schreibt die Wirklichkeit. Sowas kann man sich gar nicht ausdenken.

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Dezember 22

Grundlagenforschung

Wir brauchen mehr Grundlagenforschung. Eigentlich brauchen wir die flächendeckend. Am besten für alle. Häh, wie jetzt. Warum das?

Ich fing an, dieses Paper zu lesen. Klickt da mal drauf. Ihr braucht da nicht inhaltlich einsteigen, sondern nur über die ersten zwei Seiten scrollen. So stelle ich mir friedliche und multinationale Zusammenarbeit vor. Bitte mehr davon. Für alle. Jetzt.

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