Dezember 12

Neutralität

Folgender Satz kam mir gerade (wieder mal) unter:

Und wo wir gerade dabei sind: Auch gleich verbieten, dass Minderjährige Religionen ausgesetzt werden.

Wieder mal, weil ich das schon öfter hörte. Aus meiner Sicht sprechen dieser Aussage zwei Annahmen zugrunde:

  1. Ich habe die Weisheit mit großen Löffeln aufgenommen und kann daher sagen, dass ein areligiöses Leben das bestmögliche ist.
    Aus meiner Sicht klar ein Fall von Selbstüberschätzung. Und die viel gepriesene Toleranz reicht nicht weiter als ein fettes Schwein springen kann.
  2. Es gibt die aberwitzige Vorstellung von Neutralität in gewissen Sphären. Ein Kind areligiös zu erziehen trifft genauso eine Wertaussage, wie es religiös zu erziehen. Da gibt es kein Neutral. Auch in der Aussage – frei von Politik – steckt Politik. Das ist ja nur eine scheinbare Neutralität, weil es impliziert ein – mir ist egal (oder bei Erziehung: Dir hat es egal zu sein) wie Gesellschaft funktioniert und wo Du Gesellschaft gerne haben wollen würdest. Ich will das inhaltlich gar nicht werten, sondern nur feststellen, dass es genauso erst einmal eine Richtung ist wie links, rechts, oben oder unten. Du kannst Dich nicht bewegen und sagen, Du hast keine Richtung. Vielleicht bist Du orientierungslos, aber wenn Du Dich bewegst, bewegst Du Dich eben irgendwo hin. Ebenso wenig kann ich ein Kind wirklich geschlechtsneutral erziehen. Ich kann ihm sagen, dass in dem Unterschied zwischen Mann und Frau kein besser oder schlechter vorliegt. Aber zu tun, als wären da keine Unterschiede, hieße uns nur verschleiert anzuschauen (alle, nicht nur ein Geschlecht).
    Ich bin überzeugt davon, dass es bei diesen Punkten ähnlich ist, wie mit dem Erlernen einer Sprache: Wenn Kinder ihre Muttersprache ordentlich lernen, werden sie in die Lage versetzt auch andere Sprachen vernünftig zu erlernen. Kinder, die keine saubere Grammatik in wenigstens einer Sprache erlernt haben, haben mit Fremdsprachen erhebliche Probleme. Wer einmal ein Wertesystem erhalten hat, erhält die Fähigkeit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Wenn dieses tolerant gestaltet ist, erhält man auch den Mut dafür. Toleranz gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen habe ich meist von religiösen Menschen erlebt. Ein „verbieten“ wie oben dagegen meist von der areligiösen Seite.


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Veröffentlicht12. Dezember 2016 von bengoshi in Kategorie "frisch aufgeschnappt