Februar 21

Bildungsgerechtigkeit

Ich kann den Newsletter Heute im Bundestag nur wärmstens empfehlen. Da gab es eine Mail um den Streit über den nationalen Bildungsbericht. Mehr oder minder Lob von den verschiedenen Seiten, aber ein altes Thema bleibt: Deutschland bekommt es nicht hin, Bildung besser unabhängig vom Elternhaus zu gestalten. Kaum ein Themas ist ideologisch so beladen wie Bildung (ich halte mich davon nicht frei). Schwups, gehen die Reflexe los:

Die Vertreterin der Linken lobte zwar einige Verbesserungen, machte aber auch darauf aufmerksam, dass sich die Demoskopen bezüglich der Geburtenraten in Deutschland verschätzt hätten und nun an einigen Stellen versucht werde, Lücken durch privaten Schulen zu schließen. Dorthin würden vor allem Kinder aus bildungsinteressierten Haushalten geschickt, so dass sich die Bildungsschere an mancher öffentlicher Schule weiter öffnen würde.

Mein Ansatz wäre ja zu sagen, macht die öffentlichen Schulen so gut, dass sich die privaten überleben. Aber viel einfacher ist es natürlich, ein Schild „Achtung Straßenschäden“ hinzustellen, statt die Straße zu reparieren. Die Linken haben ein tief sitzendes Problem mit Privatschulen. Ich habe jetzt nochmal nachgelesen, wo das herrührt:

Träger von Privatschulen sind meistens kirchliche Organisationen, 80 Prozent dieser Schulen werden von der evangelischen oder katholischen Kirche geführt.[…] Zwar gibt es staatliche Vorgaben, dennoch besteht eine weitgehende Unabhängigkeit und Freiheit. Diese Freiheit kann sich durchaus positiv äußern, beispielsweise in fortschrittlicheren pädagogischen Konzepten und in besserer Wissensvermittlung. Aber diese Freiheit bedeutet auch die Möglichkeit von Einflussnahme auf die Schüler/innen. Gerade weil die Kontrolle viel geringer ist, gerade weil bei vielen Trägern ideologische Gründe für die Schaffung einer Privatschule eine Rolle spielen, besteht die Gefahr, dass Kinder dort manipuliert werden. Dies bedeutet dann jedoch eben keine Erziehung hin zu mündigen, kritischen Menschen, sondern eine ideologisch gefärbte Erziehung. Das soll nicht bedeuten, dass dies immer der Fall sein muss – aber nur öffentliche Schulen bieten die Voraussetzungen für die Erziehung hin zum mündigen Menschen. Gerade bei konfessionellen Schulen kommt die Frage der Trennung von Kirche und Staat hinzu und die Forderung, dass Bildung nicht religiös, sondern weltlich sein sollte. Bildung muss religiös neutral sein, wenn sie Kindern die Möglichkeit geben will, dass diese später selbst entscheiden können, was sie weltanschaulich für richtig oder falsch halten. Eine schulische Prägung ist hier kontraproduktiv und anti-emanzipatorisch.

Warum religionsfreie Erziehung per se besser sein sollte, leuchtet mir nicht ein. Ich hätte schon gerne die Freiheit für eine Wahl. Aber Freiheit ist ja nicht jedermanns Sache. Die Ansicht, religionsfrei sei objektiver, ist Unsinn. Eine Haltung, ein Wertesystem steht immer dahiner. Die Frage ist nur welches.

Die Gefahr der Manipulation ist enorm, weiß Gott ja. Der Bitte was? Gibt es vor, bei und nach solchen Aussagen eigentlich überhaupt irgendeinen Realitätsabgleich? Hat mal jemand in solche Schulen reingeschaut, mit Eltern, Lehrern und Schülern gesprochen? Ganz offensichtlich nicht. Aber Information gefährdet die Ideologie, also immer schön vorsichtig sein.

Nur öffentliche Schulen bieten die Voraussetzung für den mündigen Bürger? Nur eine staatliche Indoktrination führt dazu, dass Schüler wissen, was „weltanschaulich für richtig oder falsch“ gehalten werden soll? Ja, da haben wir Deutschen zweimal ausgiebige Erfahrungen gemacht. Jetzt geht es wieder mit ihm durch, mag man jetzt denken. Aber der Satz „gerade weil die Kontrolle viel geringer ist“, hat mich doch an einen Lenin-Ausspruch erinnert. Da liegt der nächste Schritt nicht fern.

Klar gibt es auch mal Querschläger. Aber ehrlich gesagt – ich kann mit einem solchen Ausreißer leben. Die machen mich nicht nervös. Und nein, ich will und würde bei den dort benannten Schulen meine Kinder nicht unterbringen wollen. Ferner ist da die Freiheit des Grundgesetzes wohl überschritten, also liegt „nur“ ein Vollzugsdefizit der Verwaltung vor. Das beste Gesetz hilft nichts, wenn man es nicht zur Anwendung bringt…

Liebe Linken-Politiker – fragt Euch doch mal, warum kirchliche Schulen so gefragt sind? Vielleicht ist es eben gerade nicht nur die vermeintliche „Manipulation“. Ich würde mir da ja eher mehr Glaube und Spiritualität an den Schulen wünschen… Aber fragt doch mal die vielen in der Praxis kirchenfernen Eltern, warum sie ihre Kinder in diese Schulen schicken? Vielleicht ist es neben einem gemeinsam getragenen Glauben, ein Bekenntnis zu einem vernünftigem Umgang miteinander, ein Bekenntnis zu Lernbereitschaft und Leistung. Statt Verbieten und Kontrolle seht das doch mal mit Sportgeist – macht in den Ländern, in denen Ihr Einfluss habt, die Schulen so, dass Eltern diese den Privatschulen bevorzugen. Das wäre ein Schritt nach vorne und ein Schritt für mehr Bildungsgerechtigkeit. Da könnt Ihr in Berlin gleich anfangen. Ihr stellt keine Schilder neben die kaputten Straßen – „Achtung Straßenschäden“ – Ihr stellt Schilder mit der Aufschrift „Durchfahrt verboten“ auf.



Copyright 2016 by Kai Kobschätzki. All rights reserved.

Veröffentlicht21. Februar 2017 von bengoshi in Kategorie "Politik