April 29

Kopftuchdebatte mal von einer anderen Seite

Als ein Rabbiner in Berlin verprügelt wurde, da er Kippa trug, rut der Zentralrat der Juden vom Tragen derselben ab. In Anlehnung an Je suis Charlie schrieb ich damals auf Twitter:

Da stehe ich immer noch dahinter.

Jetzt kam der österreichische Bundespräsident auf eine ähnliche Idee:

„Wenn es so weitergeht … bei der tatsächlich um sich greifenden Islamophobie, wird noch der Tag kommen, an dem wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen – alle – aus Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.“

Und prompt entwickelte sich ein Sturm der Scheiße (um diesen Anglizismus mal zu vermeiden) und lud sich auf ihm ab. Ich habe es nicht ganz verstanden. Vorgeworfen wird ihm, dass er damit die Frauen, die es unter Zwang tragen, nicht berücksichtige. Konkret:

Dieser Kulturrelativismus, dieser pure Sexismus, den Ihre Aussagen bedeuten, ist für uns unerträglich.

Ich kann es nicht nachvollziehen. Der Bundespräsident stellte sich ersichtlich auf die Seite derer, die aus freier und religiöser Überzeugung eine bestimmte Kleidung tragen. So wie auch Ordensfrauen die Ordenstracht freiwillig tragen. Wer sich an die Seite derer stellt, steht doch nicht in einer Reihe mit Radikalen, die eine bestimmte Bekleidung zur Pflicht erheben. Da wird etwas unterstellt, was nicht da ist.

Er gab gleich noch einen zweiten Satz, der die Gemüter erhitzte:

„Es ist das Recht der Frau – tragen Männer auch Kopftücher? Es ist das Recht der Frau wie auch immer sie möchte…“

Das Recht, nicht die Pflicht, sich zu kleiden wie man möchte. Das gehört zur Freiheit. Ich habe bei diesen Angriffen eine ganz andere Vermutung. Die kam mir schon bei der sogenannten Herdprämie immer wieder auf. Es scheint für einige nicht vorstellbar, dass Menschen aus freiem Willen ein Lebensmodell wählen, was von eigenem abweicht und bei dem man unter Umständen bereit ist, die eigene Freiheit einzuschränken. Gerade das diese Möglichkeit besteht, bedeutet Freiheit. Man muss das nicht teilen, aber akzeptieren, besser noch respektieren. Und sich für diese Freiheit stark machen, verdient Lob, nicht Tabel. Stark machen gegen diejenigen, die Angst haben vor dem anderen, vor dem vielleicht fremden, dass sollten wir unterstützen und nicht ablehnen.



Copyright 2016 by Kai Kobschätzki. All rights reserved.

Veröffentlicht29. April 2017 von bengoshi in Kategorie "frisch aufgeschnappt