Mai 13

Künstliche Intelligenz

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka fordert in einem Welt-Interview eine ethische Debatte über künstliche Intelligenz. Das macht durchaus Sinn, ebenso wie die Überlegung, wie da manches Problem verrechtlicht werden kann oder vielmehr muss. Das finde ich schon ein wenig erstaunlich, wenn man berücksichtigt, dass sich ihre Sorge vor Technik scheinbar im Zaum hält:

DIE WELT: Der Erfinder des World Wide Web, Tim Burners-Lee, ist dennoch davon überzeugt, dass Maschinen irgendwann Menschen plattmachen würden. Es sei nur eine Frage der Zeit. Beschwören wir Geister, die uns eines Tages beherrschen?

Wanka: Ich habe gehört, dass es Informatiker und Entwickler gibt, die sich einen Ort gesichert haben, wohin sie sich im Notfall flüchten wollen. Ich finde das völlig übertrieben. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich bin Politikerin.

Die Gefahr sehe ich auch nicht morgen. Aber ich sehe sie auch nicht so weit weg, dass ich in einem Science-Fiction noch von einer irrwitzigen Idee sprechen wollte. Da scheint mir Matrix näher zu sein, als mir lieb ist.

Na klar springt Wanka auch auf den Zug auf, dass da die Forschung bei uns weit sei und vor allem Arbeitsplätze bringe. Mir dünkt ein neues Gesetz am Himmel – wenn die Politik etwas unbeherrschbares oder unkontrollierbares schön reden will, kommen die Arbeitsplätze ins Spiel. Quasi ein Clinton’s Law – von ihm stammte damals der Satz „It’s the economic, stupid.

DIE WELT: Wenn die Systeme lernen, könnten sie doch den Ausschaltmechanismus auch deaktivieren.

Wanka: Das ist etwas für Science Fiction. Wir unterschätzen unsere eigenen Fähigkeiten.

Nun, ich würde sagen, wir überschätzen sie eher. Ich will jetzt nicht auf den IoT-Zug von fefe voll draufspringen, aber die Probleme sind zu offensichtlich, als das man sie ignorieren könnte. Und einen „Ausschaltmechanismus“ zu deaktivieren klingt nach ganz „normaler Ransomware“.

Jetzt kommt gleich nochmal Clinton’s Law:

Wanka: Unser deutsches System funktioniert da anders als das in den USA. Wenn dort ein Job von einer Maschine ersetzt wird, dann ist der Arbeitsplatz weg. Bei uns wird ein Facharbeiter für Maschinenbau in so einem Fall weitergebildet. Sie kennen das doch aus Ihrem Bereich. Die Setzer wurden auch nicht alle arbeitslos. Sondern sie wurden zu Layoutern weitergebildet. Unsere Facharbeiterstruktur ist eine Chance.

Die Politik muss den Menschen das Versprechen und die Sicherheit geben, dass sie im Falle von Umstrukturierung Möglichkeiten haben, umzuschulen, sich weiterbilden zu lassen.

Ach so. Die ganzen Buchhalter, die durch elektronische Buchhaltungssysteme entfallen sind, sind jetzt Steuerfachwirte und Steuerberater. Die durch Kehrmaschinen eingesparten Straßenfeger sind jetzt Facility Manager. Die durch digitale Diktiersysteme eingesparten Rechtsanwaltsfachangestellte sind Anwälte geworden und die durch Maschinen eingesparten Bauarbeiter Ingenieure. Klar. Was ist eigentlich mit denen, die nicht die Kapazität oder den Ehrgeiz mitbringen, durch diese Reifen zu springen? Die gute und stetige Arbeit leisten können und wollen, tolle Mitmenschen sind, aber dafür nicht geschaffen sind. Was machen wir mit denen? Das treibt mich bei dieser Debatte vielmehr um. Wir können eben nicht so tun, als ob sich alle einfach mal so umschulen lassen können. Das ist ein Problem, dass wir jetzt schon haben und das immer größer werden wird. Noch weit bevor der fehlende Ausschaltknopf uns zum Verhängnis wird. Da ist die vermeintliche Überheblichkeit zu den Staaten nur eine schlechte Nebelgranate. Aber eigentlich hat sie versteckt ja den Punkt erkannt – „Die Setzer wurden auch nicht alle arbeitslos.“ Nein, nicht alle, aber viele. Lasst uns doch mal darüber nachdenken, wie wir hier menschenwürdig bezahlte und bezahlbare Jobs schaffen, die den arbeitenden Menschen ebenso nützen wie denjenigen, für die sie arbeiten. Das wäre für mich auch ein Teil der Debatte über die ethischen Konsequenzen künstlicher Intelligenz.



Copyright 2016 by Kai Kobschätzki. All rights reserved.

Veröffentlicht13. Mai 2017 von bengoshi in Kategorie "Politik