Juli 26

Vergesst die Bürgerversicherung

Das Versicherungssystem hat ein gewaltiges Defizit: Es lebt von der Solidarität. Ob Du viel oder wenig einzahlst – Dir wird Dein circa 3.000 Euro Blinddarm-OP ebenso wie die circa 700.000 Euro Herz-OP gezahlt. Liegt da jemand mit Mindestlohn auf dem Tisch, finanzieren ein paar Besserverdienende diese Operation mit. Nun, nicht ganz. Denn zum Einen wird der Beitragssatz nur bis zu einer bestimmten Grenze erhoben und zum anderen geben wir allen, die wirklich gut verdienen die Möglichkeit, in die private Krankenversicherung zu wechseln. Ein System, dass also von einer Quersubventionierung durch „Besserverdienende“ lebt, verhilft diesen zur Flucht.

Da niemand vor hat, eine Mauer zu errichten, soll dieser Flucht mit der sogenannten Bürgerversicherung Einhalt geboten werden. Im Sinne des obigen Systems total sinnvoll. Und da inzwischen jeder pflichtversichert ist, würde ich ja einen Schritt weitergehen – Krankenkassen als Einzugsstellen abschaffen und das über einen Steuerzuschlag reinholen. Da würden erhebliche Verwaltungskosten eingespart und wir schließen eine Gerechtigkeitslücke, indem wir bei der Beitragsbemessung Einkünfte beispielsweise auf Vermietung und Verpachtung mit einbeziehen. Letzteres wird auch von einem Teil der Parteien favorisiert. Ich würde aber wie gesagt gleich die Krankenkassen als Einzugsstellen abschaffen und das über die Einkommensteuer – einschließlich der Lohnsteuer als Vorauszahlung – abfackeln.

Jetzt ist mir bewusst geworden, dass wird alles nix. Das können die alle noch so groß in ihre Parteiprogramme reinschreiben. Einmal müssten sie dann erfolgreich gegen die Versicherungslobby anstinken. Die macht jetzt schon Stimmung, dass das Modell der Bürgerversicherung massiv Arbeitsplätze kosten würde. Sehe ich nicht, weil das Schrumpfen der Privatversicherer zu einem Wachstum bei den gesetzlichen führt. Und ich traue denen keine entsprechend daraus erwachsende Nutzung des Synergiepotential zu.. Die Versicherungswirtschaft hat einen starken Einfluss. Als Beispiel diene eine eigene Norm auf Wunsch der Versicherungswirtschaft bei der letzten großen BGB-Reform. Die wird sich schon mit Händen Füßen gegen ein solches Programm wehren.

Wie der gute Samurai-Kämpfer Musashi wird man bei diesem Kampf in jeder je ein Schwert halten müssen – das zweite ist für die Ärzte. Und da bin ich bis jetzt nicht darauf gekommen, sondern durch einen Artikel in der KNA darauf gestoßen. Die Ärzte erhalten bei Privatversicherten circa das 2,5 fache des Honorars, welches sie im Vergleich zum gesetzlich Versicherten erhalten. Da wird auch gleich klar, warum Privatversicherte Anwalts Doktors Liebling ist. Gehen diese Versicherten in die neue Bürgerversicherung, wäre das mit erheblichen Honorareinbußen bei den Ärzten verbunden. Lauterbach hat jetzt erklärt, dass es niemand schlechter gehen solle (BTW – Lauterbach spricht da von interessanten Berechnungen – wo findet man die?). Blühende Landschaften für Ärzte. Wir gleichen das alles durch Steuermittel aus. Das wird teuer. Bei einer rot-rot-Regierung mag das gehen, da dort der Dukatenesel einfach in den Koalitionsvertrag reinkommt. In allen anderen Konstellationen würde ich sagen – das wird nix. Und dann will SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach noch eine Umverteilung bei der Gelegenheit anfangen – weniger Geld bei den Radiologen, mehr Geld bei den Hausärzten. Entweder hofft er auf einen Grabenkampf innerhalb der Ärzteschaft oder bereitet seinen Seppuku vor.

Da biete ich schon mal Wetten auf das Ob an. Spannend wird nur noch das Wie – das ganze ist unfinanzierbar, die Ärzte laufen erfolgreich Sturm, die Versicherungswirtschaft klagt über den Eingriff in den eingerichteten und ausgeübten Geschäftsbetrieb beim Bundesverfassungsgericht, man zerfranst sich an Details.. irgend so was. Aber zwei so Gruppen sich zum Gegner zu machen? Nun, Musashi hat damals gewonnen. Aber kannst Du Dir Schulz mit Daisho vorstellen? Ich hole schon mal Popcorn.



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Veröffentlicht26. Juli 2017 von bengoshi in Kategorie "Politik