Juli 27

Nichts als die reine Wahrheit

Vor ein paar Tagen gab es einen sehr lesenswertes Interview mit dem altkatholischen Bischof für Deutschland, Matthias Ring. Ein Punkt hat mich dabei nicht mehr losgelassen:

Die römisch-katholische Kirche ist eine weltweite und damit eine kulturübergreifende Kirche. Genau das ist ihr Problem, denn all diese Themen haben nicht nur eine theologische, sondern auch eine kulturelle Seite. Wir sind eine europäische Kirche, das macht es einfacher. Aber in Polen und Tschechien gibt es auch bei den Altkatholiken keine Frauenordination, keine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare – das ist dort aber auch gesellschaftlich kein Thema. Für uns sind diese Unterschiede aber kein Problem. Die römisch-katholische Kirche hat dagegen den Anspruch, dass – salopp gesprochen – die Marke ‚katholisch‘ weltweit mit genau denselben Inhalten verbunden ist. Ich glaube, es ist nahezu unmöglich, solche Fragen, die die Menschen im Innersten berühren, offen zu diskutieren, ohne daran zu zerbrechen.

Aus meiner Sicht hat Bischof Ring da einen Punkt sehr gut getroffen. Während bei uns beispielsweise die Frage der Homosexualität überwiegend sehr liberal gesehen wird, ist dies in vielen Teilen der Welt nicht so.  So fügt Ring an, dass er auch nicht glaube, dass bei einer offenen Diskussion sich eine Mehrheit für die Frauenordination in der katholischen Kirche fände – betrachtete man nicht nur Deutschland sondern die Weltkirche. Gleiches gilt für die Frage einer „Ehe für alle“. Kulturelle Prägung ist bei der Beantwortung dieser Fragen nicht zu leugnen. Doch stellte sich mir dabei eine andere Frage – kann es unterschiedliche Wahrheiten geben? Das klingt nach alternativen Fakten. Wenn ich in Deutschland die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene aus theologischen Gründen zulasse, kann diese Lehre dann in beispielsweise Polen eine andere sein? Könnten wir in Europa sagen, Jesus hat Frauen von der Weihe nicht ausgeschlossen und sie weihen, in Südamerika aber genau das Gegenteil behaupten?

Ich bin auf diese Frage noch einmal aufmerksam geworden, als ich einen Artikel las, der sich aus anderen Gründen auf die Frage nach der Wahrheit bezog:

[…] aber als Katholik sollte man wohl vorsichtig sein, das zu kritisieren, sonst kommt gleich einer und sagt „Wieso, das macht ihr Katholiken doch auch.“ Darauf könnte man natürlich erwidern „Ja, aber in unserem Fall ist es wirklich die Wahrheit“, aber das glauben Nichtkatholiken einem ja nicht. Sonst wären sie ja Katholiken.

Nein, so einfach ist es gerade nicht. Wie schwer die Wahrheitsfindung und die Befolgung der aus der Wahrheit resultierenden Lehre ist, zeigt sich ja bei der ganzen Dubia-Diskusson. Am Ende wollen wir bei der Wahrheit im Glauben sagen können, was Gott sagt. Vielleicht stünde uns da etwas Demut ganz gut an, zu erkennen, dass wir es nicht wirklich vermögen – dafür sind wir zu klein. Wir legen die Schrift aus und sind dabei immer von unserem historischen und sozio-kulturellen Umfeld geprägt, ob wir das wollen oder nicht. Objektivität hat hier ihre Grenzen. Das soll nicht gegen das Lehramt sprechen, sondern für eine kritische Auseinandersetzung und erlaubten Restzweifeln – im Lehramt selbst wie bei den Laien. Ob alt- oder römische Katholiken da den besseren Weg gefunden haben, weiß ich nicht. Ich tendiere da eher zu letzterem, da ersteres ein Fall der  halben Wahrheit ist. Der gute Nerd weiß, dass das 21 ist. Leider hilft das aber doch nicht immer weiter.



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Veröffentlicht27. Juli 2017 von bengoshi in Kategorie "Glaubenspraxis