Juli 28

Traditionsbewusstsein bei den Grünen

Grundsätzlich begrüße ich es ja, wenn Steuermittel für die Forschung eingesetzt werden. Der Pranger ist ja an sich aus der Mode gekommen, aber nunmehr scheint die steuerfinanzierte Heinrich-Böll-Stiftung untersuchen zu wollen, ob sich dieser zumindest digital wieder lohnt. Pranger, dass ist nach der Wikipedia ein Strafwerkzeug in Form einer Plattform (jetzt neu digital) an denen ein Verurteilter gefesselt und öffentlich vorgeführt wurde. Zunächst Folter-Werkzeug und Stätte der Prügelstrafe, erlangten Pranger ab dem 13. Jahrhundert weite Verbreitung zur Vollstreckung von Ehrenstrafen. Nun, was früher gut war, muss jetzt nicht schlecht sein. Dieses Traditionsbewusstsein muss man der Heinrich-Böll-Stiftung anrechnen. Die Verurteilung nimmt die Stiftung auch gleich vor, das ist effizient. Wer wird da nun vorgeführt? Jeder, der nach Ansicht der Stiftung wer als antifeministischer Akteur in der Öffentlichkeit oder Politik auftritt. Dazu zählt beispielsweise eine hetronormative Einstellung. Die Erläuterung dazu muss ich vollumfänglich zitieren, dass darf niemandem vorbehalten werden:

Heteronormativität bezeichnet eine symbolische Ordnung und das Gefüge einer gesellschaftlichen Organisation, die Geschlechterverhältnisse, Lebenspraxen und Subjektivitäten entlang der Norm Heterosexualität strukturiert. Im Zentrum dieser Norm stehen die kohärenten heterosexuellen Geschlechter ‚Mann’/’Frau‘. Heternormativität benennt damit den Verweisungszusammenhang der voraussetzungsvollen Annahmen, dass es a.) zwei und nur zwei Geschlechter gibt, diese b.) auf Basis scheinbar eindeutiger biologischer Körper beruhen und sodann ’sozial‘ als ‚Männer‘ und ‚Frauen‘ erkennbar sind und c.) sich wechselseitig begehren.

Da ich auch zu denen gehöre, die bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen sich einbilden, bei ihnen unbekleidet „eindeutig biologische Körper“ ausmachen zu können – sprich hängt da was oder hängt da nix – gehöre ich auch dazu. Aus einer schnöden empirischen Erfahrung heraus vertrete ich auch die Auffassung, dass die meisten des einen Geschlechts diejenigen des anderen Geschlechtes mehr oder minder begehren. Göttlicher Plan hin oder her – dank dessen war die Menschheit keine Eintagsfliege (und selbst die.. schon gut).

Inhaltlich kann ich da nur feststellen, dass jedes Lehrbuch über katholische Dogmatik mehr kritische Auseinandersetzung bietet als diese Plattform. Da genügt es schon bei Harald Martenstein, dass er sich bei dem Thema Unisextoiletten gewagt hat, diese kritisch zu hinterfragen. Vorwurf in anderer Sache:

Er zeige wie auch in Diskussionen um Rassismus und Antisemitismus die gleichen Reaktionen des „prototypischen deutschen, weißen Mannes“.

Das ist hart. Sollten wir bei der nächsten Strafrechtsreform das einfügen, müsste man das wohl irgendwo zwischen den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und Straftaten gegen das Leben einsortieren. Was findet sich da sonst noch? Katholiken sind in Teilbereichen gefährliche Menschen. Überrascht nicht wirklich. Im Sinne einer gelebten Ökumene sind auch Teile der evangelischen Geschwister mit dabei. Aber alleine schon wer anderen Menschen von seiner Erfahrung mit Gott positiv berichtet, fällt auch unter die Achse des Bösen. Klar gehören dann der Einsatz für das ungeborene Leben mit dazu.

Ich bekenne mich in mehreren Punkten schuldig. Zum Glück bin ich unbekannt, sonst riskierte ich da auch zu stehen.

An sich eine popcornreife Veranstaltung. Aber zurück zum Pranger. Aufgelistet werden dort Personen und Organisationen, die der Heinrich-Böll-Stiftung nicht ins Bild passen. Im ersten Reflex kann man sagen –  Le Pen und Petry anzuprangern kann nicht schädlich sein. Doch. Das hat in dieser Form nichts mit politischer Auseinandersetzung zu tun. Hier geht es nur noch um ein Vorführen.

Solche Pranger werden auch rechtlich kritisch gesehen, hier sehen es selbst Medien wie der Tagesspiegel oder gar die taz kritisch. Da wir über den Verfassungsschutz nun genug Geld in die rechte Szene gepackt haben, will ich kein Mimimi über deren Online-Pranger mehr hören. Da kann ich keinen echten Unterschied erkennen. Ein objektives Verfahren, wer wann wie reinkommt ist bei beiden ebenso wenig vorgesehen wie eine Möglichkeit, davon wegzukommen. Um nicht missverstanden zu werden – ich will diese Pranger gar nicht. Das ist das Gegenteil eines toleranten Umgangs mit Andersdenkenden. Wer sowas macht, sollte sich in Grund und Boden schämen.

Was kommt als nächste Stufe? Wenn die Erprobungsphase für den neuen Online-Pranger durch ist – testen wir dann demnächst einen realen? Vielleicht kriegen wir das bis Herbst noch hin, da sind die überreifen Tomaten immer preiswert.

Wer noch ein paar Minuten hat – wohin dieser Umgang miteinander führt, kann man in München gerade sehen. Pluralismus zeigt sich gerade dort, wo die eigene Komfortzone verlassen wird. Innerhalb dessen klopft man sich nur gegenseitig auf die Schulter.

Update: Bei den Seitenbetreibern ist die Kritik angekommen. Also sie haben sie registriert, angekommen ist da nix. Da deren Erläuterung auf Facebook stehen, gibt es hier keine Verlinkung.

Die Beiträge sind – im Gegensatz zu vielen anderen Veröffentlichungen im Netz – weder denunziatorisch noch beleidigend oder erniedrigend, sondern ausschließlich auf Grundlage von öffentlich einsehbaren und nachvollziehbaren Publikationen nach bekannten, auch in der Wissenschaft eingesetzten Kategorien erfolgt.

Nun, der rechte Mob nimmt auch gerne das heraus, dass sich Personen öffentlich gegen sie gestellt haben. An den Pranger stellen heißt nicht, dass die zugrunde liegenden Taten heimlich geschahen. Und hoffentlich verbreitet sich diese Ansicht von Wissenschaft nicht weiter..

Sie helfen mit ihrem Übersichtscharakter dabei, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Viele Artikel beschreiben Hintergründe, Ideologien oder Organisationen und geben Hinweise auf Literatur oder Material, um den Einstieg in die Debatte zu ermöglichen.

Ich kann da meinen Satz zum Lehrbuch für katholische Dogmatik nur wiederholen. Man möge mich bitte korrigieren – aber wo wird da Literatur erwähnt, die eine kritische Auseinandersetzung ermöglicht? Mein Verständnis wäre demnach, mehrere Seiten beleuchtet und versucht, den Leser dazu zu befähigen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das ist ja keine Naturwissenschaft, wo klar ist, dass der Apfel vom Baum fällt. Da können wir überlegen, woran das wohl liegen mag. Aber er fällt. Hier reden wir über darüber, ob wir es gut oder schlecht finden, dass er fällt. Da kann das Ergebnis nicht vorher feststehen.

Die Agent*in ist ein gerade erst veröffentlichtes Wiki und befindet sich im Aufbau. Ein Wiki ist ein Work-in-Progress, eine sich ständig wandelnde Online-Plattform. Ein Wiki ist ein angemessenes Medium, um über diese Welt zu berichten, die in Bewegung ist und sich ändert. Daher konnte bereits das dynamische Wikipedia als Online-Enzyklopädie den behäbigen Brockhaus verdrängen.

Was für ein Bullshit. Die Wikipedia hat den Brockhaus verdrängt, da es viele Freiwillige gab, die sich ohne ernsthafte Zugangsbeschränkung beteiligen konnten, die in einem teilweise quälenden Prozess eine Übereinstimmung über die Inhalte gefunden haben beziehungsweise darum ringen. Bloß weil hier die gleiche Software eingesetzt wird, hat das mit den Wirkungsmechanismen der Wikipedia rein gar nichts zu tun. Das eine ist offen und entsteht in einem Diskussionsprozess, dass andere ist geschlossen und die veröffentlichten Inhalte werden von einer intransparenten Gruppe irgendwie ausgewürfelt.

Update 2: Lesenswerter Kommentar auf SPON.

Update 3: Aktuell ist die Seite runter. Es erscheint dort:

Wir kommen wieder!

Die Agent*In geht vorübergehend offline.

Die Agent*In hat intensive Debatten ausgelöst und zeigt: unser politisches Anliegen ist hochaktuell und notwendig. Unser Ziel ist es, dass unterschiedliche Lebensentwürfe selbstbestimmt und in Freiheit gelebt werden können.

Bedauerlicherweise hat die gewählte Form die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung zu Antifeminismus überlagert.

Deshalb werden wir die Seite erweitern und überarbeiten.
 Wir werden sie verständlicher und vielfältiger machen. Anregungen dazu können über redaktion-agentin@boell.de eingebracht werden.

Wir sind ein ehrenamtlich arbeitendes Netzwerk aus etwa 180 Menschen, die sich wissenschaftlich, theoretisch und aktivistisch mit Antifeminismus auseinandersetzen.

Antifeminismus ist wesentliches Element der rechtspopulistischen Ideologie und Bewegung. Zunehmend finden sich jedoch gender- und feminismusfeindliche Argumentationen in den Diskursen der gesellschaftlichen Mitte.

Für uns bleibt die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung dazu eine Aufgabe, der wir uns stellen.

Die Redaktion

Die erste Zeile hört sich an wie eine Bedrohung (nicht rechtlich gemeint). Ich setze auf eine Verschlimmbesserung. Aber manchmal habe ich gerne Unrecht.

 

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Wikipedia-Bildquellen-Angabe: Von Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird Nomo als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben). – Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird angenommen, dass es sich um ein eigenes Werk handelt (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben)., CC BY-SA 2.5, Link

 



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Veröffentlicht28. Juli 2017 von bengoshi in Kategorie "Politik