August 8

Gender Gap am Wickeltisch

So titelt ein kurzer Kommentar in der Zeitschrift Neue Caritas. Lobend wird erwähnt, dass der Anteil der mindestens zwei Monate betreuenden Väter von 2015 auf 2016 um zwölf Prozent gestiegen ist. Aber während Mütter im Durchschnitt nur EUR 723 Elterngeld erhalten, erhalten Väter aufgrund ihres ohnehin höheren Durchschnittseinkommens gemittelt EUR 1.262. Und jetzt kommt ’s:

Aber es sollte zu denken geben, dass ein Viertel der männlichen Elternzeitteilnehmer zuvor über 2000 Euro netto verdienten – und nur zwei Prozent weniger als 500 Euro. Ein Männerauge schielt halt halt immer auf den Profit, so scheint es.

It’s the economy, stupid. Fällt mir dazu nur ein. Wenn bei den Männern nicht der Schnitt der Männer Elternzeit nimmt, sondern nur die obere Spitze der Verdiener, wäre das durchschnittliche Elterngeld bei den Männern selbst dann höher, wenn Männer und Frauen gleich viel Geld verdienten. Vielmehr werden dabei zwei wesentliche Dinge übersehen: Trotz der begrüßenswerten Steigerung sind es nur ein 1/3 der Männer, die Elternzeit nehmen. 2/3 nehmen sie aber gerade nicht in Anspruch. Ist das Glas halb voll oder halb leer. Und das es gerade besser verdienende Männer sind, die Elternzeit nehmen, zeigt doch, dass es scheinbar ein ökonomisches Problem gibt. Will sagen – das muss man sich leisten können. Dies ist nicht in allen Einkommensgruppen der Fall. Verdient der Mann mehr – wie es oft leider noch der Fall ist – ist die Entscheidung, wer zu Hause bleibt bei einem geringen Einkommen keine so freie, wie in höheren Einkommensgruppen.

Einen starken Einfluss auf die Inanspruchnahme von Partnermonaten haben die Einkommenssituation der Familie allgemein und die Höhe des Einkommens der Mutter im Besonderen: So steht die Wahrscheinlichkeit eines Elterngeldbezugs durch Väter im Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit der Mutter und steigt mit ihrem Erwerbseinkommen. Umgekehrt gilt, dass von einer  Nichterwerbstätigkeit der Mutter ein starker negativer Effekt auf die Wahrscheinlichkeit eines Elterngeldbezugs durch Väter ausgeht.31 Beansprucht werden Partnermonate zudem dann besonders häufig, wenn der Wunsch des Vaters, das Kind eine Zeit lang selbst zu betreuen, besonders ausgeprägt ist. Hier entfaltet die staatliche Förderung also eine erhebliche „Ermöglichungswirkung“.

So schreibt es der Väterreport 2016 des Bundesfamilienministeriums. Von einem Blick auf „Profit“ würde ich da nicht sprechen wollen, sondern von teils begründeten, teils unbegründeten ökonomischen Sorgen:

Als Hauptgründe werden genannt: die Angst vor Einkommensverlusten, die Angst vor beruflichen Nachteilen und Befürchtungen von organisatorischen Problemen im Betrieb. In der Praxis konnten längerfristige berufliche Nachteile jedoch nicht nachgewiesen werden.

Die Ängste müssen wir nehmen und die Probleme der Einkommensverluste angehen. Vielleicht wäre die Betrachtung eines Familieneinkommens für die Berechnung des Elterngelds ein Weg.



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Veröffentlicht8. August 2017 von bengoshi in Kategorie "frisch aufgeschnappt