September 15

Bildungswissenschaft als Glaubensschaft

Stell Dir vor, Du willst rauskriegen, ob es effektiver ist, Vokabeln mit Karteikarten zu lernen oder einfach immer nur in ein Vokabelheft zu schauen. Mein Ansatz wäre ja, mal für beispielsweise drei Monate Schüler in mehreren Klassen, Klassenstufen und Schultypen zu bitten, in diesem Zeitraum nur mit einer der beiden Methoden zu lernen. Dann schreibe ich einen Test und schaue, bei welcher Gruppe mehr hängen geblieben ist. Mehrere Klassen brauche ich, damit es repräsentativ wird. Sonst riskiere ich, zufällig Schüler eines bestimmten Lerntyps erwischt zu haben. Dann sagte das nichts über die Methoden an sich aus. Klassenstufen und Schultypen hielte ich für notwendig um zu sehen, ob vielleicht ein Schüler der fünften Klasse anders lernt als in der 12., der Hauptschüler anders als der Gymnasiast. Kann sein, muss nicht sein. Aber hei, was weiß ich schon von solcher Forschung. Nix. Richtig macht das die Bertelsmann-Stiftung. Die postuliert vorher, welche Lernmethode besser ist. Und um das ganze bestätigt zu bekommen, welche Methode sie besser finden, fragen sie einfach Lehrer und Schüler. Und wenn viele Schüler sagen, dass sie das eine besser finden, wird das schon so stimmen. Da mögen die alle in Englisch auf fünf stehen. Wenn nur genug sagen, dass die effektivste Lernmethode das Buch unter dem Kopfkissen ist, muss das ja so sein. Glaubst Du nicht? Im Tagesspiegel gibt es einen Artikel dazu und hier ist die Studie dazu. Dieser durchaus interessante Forschungsansatz wird im Tagesspiegel nicht thematisiert. Hätte ja mal ein Journalist kritisch hinterfragen können. Auch nicht, dass die Festlegung, was gut und was schlecht ist, vorher schon feststeht. Kritisiere nochmal einer die Dogmen der römisch-katholischen Kirche. Pah, das nix gegen den Bildungssektor. Da stehen die Prinzipien betonhart. Die Glaubenskongregation könnte glatt neidisch werden.

Ach so – in der Studie ging es natürlich nicht um die Frage von Karteikarten, sondern um den Einsatz von irgendwas digitalem in der Lehre. Ob ein Lehrer zu recht skeptisch ist, dass das nicht den gewünschten Effekt hat oder ob der Einsatz digitaler Medien – und wenn ja welcher – den Lernerfolg verbessert, kann offen bleiben. Denn die Antwort steht vorher schon fest. Ich habe keine Ahnung, was richtig ist, wüsste es aber gerne. Aber scheinbar handelt es sich bei der Bildungswissenschaft um eine Glaubenschaft und nicht um eine Wissenschaft. Jetzt weiß ich auch, warum die Überschrift des zitierten Tagesspiegel-Artikels lautet: „Lehrkräfte glauben nicht an an digitale Medien“.



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Veröffentlicht15. September 2017 von bengoshi in Kategorie "frisch aufgeschnappt