November 5

Organisation

Ich habe gerade angefangen, „An unsere Freunde“ des „Unsichtbaren Komitee“ zu lesen. Nachdem ich jetzt gerade ein Bücher hatte, über die ich eher überlegt habe, zu berichten, um anderen Lebenszeit zu ersparen, falls sie die auch mal vorhaben zu lesen, ist das mal eine angenehme Überraschung. Irgendwie ist die Welle mit dem „Unsichtbaren Komitee“ damals an mir vorübergezogen.  „An unsere Freunde“ beginnt mit Macht und Machtstrukturen. Gleich mal eine Stelle, die mich zum Nachdenken anregte. Die Gedanken würde ich gerne teilen.

Was diese 1% auszeichnet [Anm. die die Macht haben], ist, dass sie organisiert sind. Sie organisieren sich sogar, um das Leben der anderen zu organisieren. Die Wahrheit dieses Slogans ist fürwahr grausam, und sie lautet, dass es auf die Menge nicht ankommt: Man kann 99% sein und perfekt beherrscht werden. Umgekehrt beweisen die kollektiven Plünderungen von Tottenham zur Genüge, dass man aufhört, arm zu sein, wenn man anfängt, sich zu organisieren.

Mir fallen zwei Sachen dazu ein.

Einmal die Milchquotendiskussion. Darüber hatte ich schon mal geschrieben. Würden die Bauern sich organisieren, wären deren Probleme vom Tisch. Da die ansonsten über den Bauernverband eine sehr starke Lobby haben und das an sich hinbekommen, hält sich mein Mitleid dort deutlich in Grenzen. Was bei passender Organisation in Sachen Milche bei vergleichbarer Ausgangslage passiert, sieht man in Frankreich. Dort haben zwar die Bauern nichts davon, aber die Molkereien haben vorgemacht, wie es geht. Es stünde den Bauern ja frei, diesem Schritt zu folgen. Dann würden sie ebenfalls profitieren.

Zum anderen die Diskussion um Pflege. Im medizinischen Bereich macht der Marburger Bund vor, wie es geht. Diese Gewerkschaft steht nur Ärzten offen. Mitarbeiter vom Marburger Bund berichteten mir, dass angestellte Ärzte einen Organisationsgrad von circa 90% haben, Wikipedia spricht von circa 70%; immerhin, das sind feuchte Träume für andere Gewerkschaften. Klar, wenn die was fordern, hat das Gewicht. Sonst kostet das die Klinken massiv Geld. Ich will nicht so recht verstehen, warum das im Bereich Altenpflege und Krankenpflege nicht funktioniert. Gewerkschaften sind aus der Mode gekommen. Da war ich selbst eine ganze Zeit nicht wirklich traurig drüber, da aus meiner Sicht ihre Existenzberechtigung verloren ging. Das sehe ich so nicht mehr. Schlechte Löhne im zweiten Weg sind lösbar. Und der erste Weg fällt, wenn sich genug organisieren. Gleiches gilt für andere prekäre Verhältnisse wie Reinigungskräfte, Gastronomie oder Friseurhandwerk. Nicht der Staat ist gefordert, sondern die Mitarbeiter. Ob ver.di das Allheilmittel ist, will ich damit nicht sagen, aber eine Gewerkschaft schon. Fabrik- und Industriearbeiter waren mal scheiße bezahlt. Schau Dir heute mal die Löhne bei VW oder in der Chemie an. Und es geht nicht um Plündern wie oben, sondern um gerechte Löhne.

BTW – steht für mich nicht im Widerspruch zum dritten Weg: Das halte ich für eine spannende Alternative, mit eigenen Stärken und Schwächen.



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Veröffentlicht5. November 2017 von bengoshi in Kategorie "gelesen