März 24

Medienkompetenztraining Heino

fefe erklärt ja immer wieder, dass er Medienkompetenztraining mit seinem blog betreiben wolle. Ich lass das mal so stehen. Heino hat es in die Schlagzeilen geschafft, da er eine alte LP mit „Heimatliedern“ zum NRW-Heimatkongress verschenkte. So schreibt fefe:

Aber die Freude bei der Empfängerin hielt nicht lange, denn es stellte sich raus, dass da ist Liedgut aus der SS drauf.

Die dort verlinkte SZ titelt:

Heino schenkt Heimatministerin Platte mit SS-Liedern

Der Vorwurf: Mindestens zwei der dort gesungenen Lieder sind im Liederbuch der SS enthalten. Die SZ spricht von einem Gassenhauer. Der Titel „Wenn alle untreu werden“ lässt dunkles mutmaßen. Nicht ganz zu unrecht – nach dem Lied der Deutschen und dem Horst-Wessels-Lied galt es „exponiert an dritter Stelle“. Aber – und jetzt kommt der entscheidende Punkt – der Spiegel schreibt dazu:

Für besondere Empörung sorgte jetzt das von der SS als „Treuelied“ glorifizierte Stück „Wenn alle untreu werden“ aus dem Jahr 1814, das allerdings auch von NS-Widerstandskämpfern gesungen wurde. Heino selbst erklärte nun, er könne sich nicht erinnern, welche Strophen des Liedes er 1981 aufgenommen habe. „Aber ich habe Historiker dran gehabt, die haben gesagt, das sei in Ordnung.“

Die Wikipedia berichtet von Heinrich Böll, der erzählte, dass das Lied von Widerständlern gegen das von der Hitlerjugend angesungene Horst-Wessels-Lied angestimmt wurde – sehr zu deren Verdruss.

Das zweite zitierte Lied ist Der Gott, der Eisen wachsen ließ. Inhaltlicher Hintergrund ist der Russlandfeldzug 1812. In der Fassung, die ich von Heino fand, wurde die letzte Strophe nicht gesungen.

Heino selbst zu den Vorwürfen:

„Die Lieder können doch nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert worden sind.“

Interessanterweise lässt die SZ Heino selbst nicht zu Wort kommen. An sich würde ich da von einer Zeitung wie der SZ schon etwas mehr erwarten – beispielsweise eben mal den „Beschuldigten“ zu Wort kommen lassen.

Was macht man jetzt daraus? Schwierig. Das „Lied der Deutschen“ ist trotz des Missbrauchs in der Zeit des Nationalsozialismus zumindest in der Dritten Stophe erhalten geblieben. Die ersten beiden Strophen sind nicht Bestandteil der Nationalhymne, entgegen mancher Gerüchte aber auch nicht verboten. Gerade wenn ein Lied vom Widerstand und von der SS gesungen wurde, zeugt das von der Ambivalenz, die in solchen Texten inne wohnen kann. Sollte oder muss die Folge sein, dass alles nicht mehr anzufassen? Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass man damit dem braunen Pack eher noch etwas hinterher wirft. Es sollte aber unbedingt zur kritischen Auseinandersetzung mit Liedgut einladen – was nicht ausschließt, dass man unter Umständen ein Lied nicht mehr singt. A propas Singen: Ich käme zwar nie auf die Idee, Volksmusik zu hören; gar nicht meine Richtung. Ich finde es ist da aber wie mit Punk – vom Band meist unerträglich, live aber großartig. Volksmusik gehört gesungen, nicht gehört. Und sie gehört viel mehr gesungen. Es gibt gutes, schönes deutsches Liedgut, dass es wert ist, gepflegt zu werden. Wer da gleich Assoziationen mit Rechten hat, denke mal an die Comedian Harmonists (oder höre). Sagt Dir nichts, ab in die Bibliothek, Film besorgen und schauen.

Über Heino vermag ich da an der Stelle (oder dieser) nicht zu urteilen. So klar, wie das betitelt wird, scheint mit das nicht zu sein. Klar ist jedoch für mich, dass da mal wieder sehr schnell und unkritisch die Nazikeule aus der Tasche geholt wurde. Braunes Pack wie die AfD als genau so solches brandmarken – sofort dabei. Die haben die kritische Linie mehrfach klar überschritten. Aber ich bin überzeugt davon, dass das vorschnelle Schwingen dieser Keule mit zum Aufleben derselben geführt hat (natürlich nicht alleinig).

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März 8

Neusprech: Elternsprache

Beim Lesen des Pressespiegels kam mir gerade noch einmal ein Kommentar zu der Idee unter, in der Nationalhymne das Wort Vaterland durch Heimatland und brüderlich durch couragiert zu ersetzen.

Die Österreicher, mit Haitler oder wie immer dieser Mensch hieß, ja bekannt für ihre liberale und weltoffene Politik, haben in ihrer Natinalhymne aus „Söhnen“ „Töchter und Söhne“ gemacht. Geht das bei uns dann nicht auch?

Erstens teile ich brüderlich auch mit meiner Schwester. Schwesterlich teilen gibt es nicht. Geschwisterlich auch nicht. Arg, das ist nicht Sprache formen, dass ist verformen. Zweitens: Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, weiß, dass „brüderliches Teilen“ nicht unbedingt heißt, man bekommt gleichviel. Da richtet sich doch das Teilungsverhältnis eher nach dem Kräfteverhältnis. Das Wort kann also durchaus anders ausgelegt werden. Ich bin aber dazu bereit, wenn die Franzosen ihr Liberté, Égalité et Fraternité in Liberté, Égalité, Fraternel offiziell umgewandelt haben. Also so richtig, mit Änderung der Denkmäler, Münzen etc.

Und dann bitte ich um Konsequenz: Wenn aus Vaterland Heimatland wird, dann aus Muttersprache Elternsprache. Gerne auch gleich gesetzlich normiert und Sanktionen bei Verwendung der alten Sprache.

Schöne neue Welt passt diesmal nicht – Neusprech war ein Teil von 1984. Aber dazu passt: 1984 wasn’t a manual.

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März 6

Arme füttern

Die Welt:

Fernsehköchin Sarah Wiener sagte WELT: „Es kann doch nicht sein, dass in unserer Gesellschaft Bedürftige mit dem Abfall von Opulenz und Verschwendung der Reichen gefüttert werden.“ Lebensmittelspenden könnten allenfalls eine Übergangslösung sein, so Wiener. […]

ZDF-Moderatorin Dunja Hayali schreibt auf Facebook, dass die Bekämpfung von Armut grundsätzlich Aufgabe des Staates und nicht der Zivilgesellschaft mit ehrenamtlichen Organisationen wie den Tafeln sei. […]

Okay, die Supermärkte spenden nichts mehr, die Tafeln stellen ihre Arbeit ein und dann?

Supermärkte zu verpflichten, überschüssige Lebensmittel an Menschen in prekären Lebenslagen zu verschenken, würde daran nichts ändern. „Wenn Menschen zu wenig Geld haben, sich Lebensmittel zu kaufen, ist der sinnvolle Schritt, ihre Sozialleistungen zu erhöhen“, sagte Schneider [Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes] WELT. Derzeit erlaubten die Regelsätze einem Erwachsenen gerade einmal, vier Euro am Tag für seine Ernährung auszugeben. […]

So, jetzt mal Hand auf ’s Herz – glaubt hier jemand wirklich, dass die Sozialleistungen auf ein Niveau hochgefahren werden, dass wir diese Probleme los sind? Die Forderung ist ja berechtigt, allein mir fehlt der Glaube. Ja, ich habe da auch ein ambivalentes Verhältnis zu der Frage Staat und Engagement. Durch solche Maßnahmen sinkt der Druck, etwas zu ändern. Aber auf welche Kosten würde denn der Druck steigen? Während sich der oder die Abgeordnete überlegt, ob das Frühstücksei weich oder hart sein soll, kann sich der Bedürftige an sein letztes nicht mal mehr erinnern. Wenn der Spielplatz durch private Spenden saniert wird, nimmt es den Druck beim Bezirksamt raus, den nächsten zu sanieren. Wo werden die Spenden erfolgreich gesammelt? In den betuchten Stadtbezirken oder in den problematischen? Auf der anderen Seite hat die „Verstaatlichung“ dieser Bereiche zu einer Entfremdung geführt: Viele sehen sich nicht verpflichtet, irgendwo und irgendwie zu helfen – ich zahle Steuern und der Staat ist zuständig, also ist das alles nicht mein Bier. Das ist das Gegenteil von Zusammenhalt und Menschlichkeit. Tafeln sind Menschlichkeit – dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Kritisch wird es, wenn dort nicht genug Kapazitäten für eine Hilfe zur Verfügung stehen (Stichwort Essener Tafel). Am Ende kann man gerne zu Recht kritisieren, dass der Staat zu wenig einspringt. Wer deshalb Hilfe nicht leistet, obwohl dies möglich wäre, verhält sich im Gegenteil zu sozial.

Bei der Frage, ob wie in Frankreich Supermärkte ihre Abfälle spenden müssen, zeigt sich ein Parteiwechsel: Renate Künast scheint zur FDP gewechselt zu sein. Das Mitleid mit den armen, gebeutelten Märkten (beispielsweise Aldi mit einem Jahresumsatz von 52 Milliarden Euro und einer Rendite von 3 bzw. 3,7%) hat Künast nicht mehr ausgehalten. Diese kaufen zuviel ein und müssten dies dann spenden. Das sind Ausgaben, die die Rendite schmälern. Deshalb will Künast jetzt per Gesetz zur Unternehmensberatung schreiten:

Von der Lebensmittelproduktion bis zum Einzelhandel müsse es für jede Stufe der Verarbeitung fest vereinbarte Ziele geben und eine Pflicht für alle beteiligten Unternehmen, das Erreichen dieser Vorgaben auch nachzuweisen. Das schaffe Anreize für ein klügeres Management. Künast ist überzeugt, dass zum Beispiel Supermärkte mit Blick auf verbindliche Zielvorgaben weniger bestellen und die Lagerhaltung optimieren würden.

Was hätte das für Auswirkungen?

Der Handel zumindest hat das Problem erkannt: Nach Angaben des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) sorgen Unternehmen mit Verbesserungen ihrer Warendisposition dafür, dass die Verlustquote sinkt. So fallen immer weniger überschüssige Lebensmittel an, die „aus freien Stücken“ an karitative Organisationen gespendet werden.

Vielleicht schafft das dann mal endlich die Anreize, die mit den Harzt-IV-Reformen versucht wurden. Damit sich auch die Alleinerziehende endlich mal um einen Vollzeitjob kümmert und diese Rentner nicht mehr jammern, dass sie zu wenig einbezahlt haben sondern ordentlich dazuverdienen.

Wie sagt fefe immer so schön – die beste Regierung die man für Geld kaufen kann. Okay, Künast ist nicht mehr in der Regierung. Aber vielleicht kann sie ihre neue Partei bei nächsten mal zum Regieren tragen. Schöne neue Welt.

 

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