März 6

Arme füttern

Die Welt:

Fernsehköchin Sarah Wiener sagte WELT: „Es kann doch nicht sein, dass in unserer Gesellschaft Bedürftige mit dem Abfall von Opulenz und Verschwendung der Reichen gefüttert werden.“ Lebensmittelspenden könnten allenfalls eine Übergangslösung sein, so Wiener. […]

ZDF-Moderatorin Dunja Hayali schreibt auf Facebook, dass die Bekämpfung von Armut grundsätzlich Aufgabe des Staates und nicht der Zivilgesellschaft mit ehrenamtlichen Organisationen wie den Tafeln sei. […]

Okay, die Supermärkte spenden nichts mehr, die Tafeln stellen ihre Arbeit ein und dann?

Supermärkte zu verpflichten, überschüssige Lebensmittel an Menschen in prekären Lebenslagen zu verschenken, würde daran nichts ändern. „Wenn Menschen zu wenig Geld haben, sich Lebensmittel zu kaufen, ist der sinnvolle Schritt, ihre Sozialleistungen zu erhöhen“, sagte Schneider [Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes] WELT. Derzeit erlaubten die Regelsätze einem Erwachsenen gerade einmal, vier Euro am Tag für seine Ernährung auszugeben. […]

So, jetzt mal Hand auf ’s Herz – glaubt hier jemand wirklich, dass die Sozialleistungen auf ein Niveau hochgefahren werden, dass wir diese Probleme los sind? Die Forderung ist ja berechtigt, allein mir fehlt der Glaube. Ja, ich habe da auch ein ambivalentes Verhältnis zu der Frage Staat und Engagement. Durch solche Maßnahmen sinkt der Druck, etwas zu ändern. Aber auf welche Kosten würde denn der Druck steigen? Während sich der oder die Abgeordnete überlegt, ob das Frühstücksei weich oder hart sein soll, kann sich der Bedürftige an sein letztes nicht mal mehr erinnern. Wenn der Spielplatz durch private Spenden saniert wird, nimmt es den Druck beim Bezirksamt raus, den nächsten zu sanieren. Wo werden die Spenden erfolgreich gesammelt? In den betuchten Stadtbezirken oder in den problematischen? Auf der anderen Seite hat die „Verstaatlichung“ dieser Bereiche zu einer Entfremdung geführt: Viele sehen sich nicht verpflichtet, irgendwo und irgendwie zu helfen – ich zahle Steuern und der Staat ist zuständig, also ist das alles nicht mein Bier. Das ist das Gegenteil von Zusammenhalt und Menschlichkeit. Tafeln sind Menschlichkeit – dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Kritisch wird es, wenn dort nicht genug Kapazitäten für eine Hilfe zur Verfügung stehen (Stichwort Essener Tafel). Am Ende kann man gerne zu Recht kritisieren, dass der Staat zu wenig einspringt. Wer deshalb Hilfe nicht leistet, obwohl dies möglich wäre, verhält sich im Gegenteil zu sozial.

Bei der Frage, ob wie in Frankreich Supermärkte ihre Abfälle spenden müssen, zeigt sich ein Parteiwechsel: Renate Künast scheint zur FDP gewechselt zu sein. Das Mitleid mit den armen, gebeutelten Märkten (beispielsweise Aldi mit einem Jahresumsatz von 52 Milliarden Euro und einer Rendite von 3 bzw. 3,7%) hat Künast nicht mehr ausgehalten. Diese kaufen zuviel ein und müssten dies dann spenden. Das sind Ausgaben, die die Rendite schmälern. Deshalb will Künast jetzt per Gesetz zur Unternehmensberatung schreiten:

Von der Lebensmittelproduktion bis zum Einzelhandel müsse es für jede Stufe der Verarbeitung fest vereinbarte Ziele geben und eine Pflicht für alle beteiligten Unternehmen, das Erreichen dieser Vorgaben auch nachzuweisen. Das schaffe Anreize für ein klügeres Management. Künast ist überzeugt, dass zum Beispiel Supermärkte mit Blick auf verbindliche Zielvorgaben weniger bestellen und die Lagerhaltung optimieren würden.

Was hätte das für Auswirkungen?

Der Handel zumindest hat das Problem erkannt: Nach Angaben des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) sorgen Unternehmen mit Verbesserungen ihrer Warendisposition dafür, dass die Verlustquote sinkt. So fallen immer weniger überschüssige Lebensmittel an, die „aus freien Stücken“ an karitative Organisationen gespendet werden.

Vielleicht schafft das dann mal endlich die Anreize, die mit den Harzt-IV-Reformen versucht wurden. Damit sich auch die Alleinerziehende endlich mal um einen Vollzeitjob kümmert und diese Rentner nicht mehr jammern, dass sie zu wenig einbezahlt haben sondern ordentlich dazuverdienen.

Wie sagt fefe immer so schön – die beste Regierung die man für Geld kaufen kann. Okay, Künast ist nicht mehr in der Regierung. Aber vielleicht kann sie ihre neue Partei bei nächsten mal zum Regieren tragen. Schöne neue Welt.

 



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Veröffentlicht6. März 2018 von bengoshi in Kategorie "frisch aufgeschnappt